Auf den Pfaden des Abfalls

alexander | Afrika, Fotografie, Text, Video
8 Jan 2013

NAIROBI – Der Wind trägt eine Rauchfahne herbei. Plastik brennt. Restmüll, der auch mit der größten Phantasie nicht recycled werden kann, verschwindet hier in der Luft. Aus allem anderen hier verdienen sich rund 3000 Erwachsene und 500 Kinder ihren Lebensunterhalt. Die Dandora-Müllhalde in Nairobi ist damit nicht nur Arbeitgeber für Tausende “Müll-Freelancer”, sondern auch Rohstofflieferant, Spekulationsobjekt und Fertigungsbetrieb.
Paul Thumbe ist 27 Jahre alt. Seit seinem fünfzehnten Lebensjahr arbeitet er auf der Müllkippe, die nur ein Jahr älter ist als der Kenianer. Auf 26 Hektar breitet sich der Abfall aus. Neben den Scharen von Marabus und den streunenden Hunden wimmeln seine “Arbeitgeber” – die Sortierer – über das Moor aus Müll. Ein kompliziertes System von Wegen verbindet die Sortierstellen, an denen vornehmlich Frauen und Kinder mit einem Stahlhaken durch den Abfall wühlen. Wenn sie eine bestimmte Menge Müll gesammelt haben, dann verkaufen sie diese an Paul. “Wir haben festgelegte Preise für die verschiedenen Stoffe, und ich verkaufe die Ware dann später an Fertigungsbetriebe. Da gibt es feste Preisabsprachen, da kann man sich drauf verlassen”, erklärt der ‘Händler in Müll’ den übelriechenden Warenkreislauf. Er ist gleichzeitig der Chef eines “Clans” – rund zwei Dutzend Leute arbeiten direkt für ihn. Früher waren sie “rude boys”: Jungs, die gemeinsam als eine Art Mafia die Gegend tyrannisierten und kontrollierten. Heute sind sie ein kleines, eingeschworenes Unternehmen – sieben Clans teilen sich die Herrschaft über die Müllhalde. Ohne ihr Einverständnis wäre ein Besuch bei den Müllmenschen lebensgefährlich. Der “Eintritt” in ihre Welt kostet 3500 Schilling – rund 35 Dollar. Dafür bekomme ich nicht nur eine stundenlange Wanderung mit drei kompetenten Herrschaften, sondern auch eine Fotoerlaubnis und Interviews mit den Leuten, die wir unterwegs treffen. Ein Interview mit Samuel etwa, dem Schweinehirten von Dandora.
“Ihr kommt gerade recht, es ist Fütterungszeit”, erklärt er mit stolzem Gesichtsausdruck, als er mich in den Stall auf dem Plastikberg führt. Er verfüttert im Stall die Überreste der Mahlzeiten von Nairobis internationalem Flugphafen Jomo Kenyatta. Einige erwachsene Tiere werden lautstark umringt von einer Gruppe Frischlingen. An den Rüsseln klebt Plastikmüll, die Bäuche sind schwarz von der Jauche, in der sie ihr Bad nehmen. “Ungefähr dreihundert Tiere haben wir hier – die fressen sich rund an den Speiseabfällen der Leute”, erklärt Samuel. Nur zur Nacht sind die Tiere eingepfercht, sonst strolchen sie über die Deponie. “Aber abends kommen sie meist von ganz allein heim”, erklärt Samuel. Die Nahrungskonkurrenz der Marabus wird am Ende geschlachtet und verkauft. Das ist auch ein Weg, Geld aus dem Müll einzunehmen und sogar Nahrungsreste zu recyclen. Von Krankheiten der Tiere weiß er nichts zu sagen. Gut genährt sehen sie jedenfalls aus.

Das gleiche berichtet David, einer von Pauls Leuten, von den Sortierern auf den Müllbergen. In Gummistiefeln waten sie durch den knöcheltiefen Sud, der einen beißenden Fäulnisgestank bei jedem Schritt freigibt. Die Kleidung hat die Farbe des Mülls angenommen – braun und schwarz dominieren das wogende Feld der gebückten Oberkörper, die sich durch den Abfall wühlen. “Ich bin ja selbst auch gesund”, klopft sich David auf die Brust. Am Umschlagplatz kommen die Laster an, die den Müll der Millionenstadt bringen. Auf den altersschwachen Trucks können bis zu 2000 Säcke liegen – jeder Haushalt zahlt pro Sack 100 Schilling Gebühr, also etwa einen Dollar. Trotzdem scheut sich manches Abfallunternehmen, die Haldengebühr zu zahlen und kippt die stinkende Fracht bei Nacht vor den Eingang Dandoras an den Straßenrand. Dennoch landen täglich bis zu 150 Lkw-Ladungen Müll auf der Halde – ein Geschäft, an dem nicht nur die Clans verdienen, sondern durch ein verworrenes Konzept an Steuern und Schmiergeldern auch die Regierung und die Polizei. Der Durchschnittsverdienst eines Tagelöhners auf der Müllhalde dürfte dennoch unter einem Dollar am Tag liegen – das ist die Schallmauer, unter der man vom Existenzminimum spricht. In den Slums wie Kibera oder Mathare, in denen die Arbeitslosigkeit auch noch entsprechend groß ist, ist es nicht anders.
Neben dem PET-Flaschenfeld liegt in einer Senke eine kleine Hütte, die aus Holzstangen und Plastikplanen errichtet ist. Vor dem Eingang dampft aus einem Kochtopf das Mittagsmahl der Arbeiterfamilie, die hier direkt auf der Halde lebt. Die meisten ihrer Kollegen wohnen dagegen am Rand der Deponie. In dem Dörfchen Mkuru etwa spielen die kleinen Kinder der Arbeiterinnen auf der Straße. Drei Schulen gibt es in der Siedlung von 300 Einwohnern, eine wird gesponsort von der chinesischen Regierung. Die Wellblechbehausungen unterscheiden sich nicht von denen anderer Slums.
Mit etwa zehn Jahren ist man alt genug, um selbst auf der Halde zu sortieren – so, wie der 12-jährige Phillip. Er spricht kaum Englisch, steht bis über die Knöchel in Elektronik- und Plastikschrott. “Die Kinder kommen aber nur in den Ferien, ansonsten gehen sie zur Schule”, berichtet David. So unglaubwürdig, wie das klingt, muss es aber gar nicht sein. Die Schule lockt als Anreiz nämlich mit einem warmen Mittagessen. Nur, wer den Unterricht abgesessen hat, bekommt sein Lunch. Nicht alle der rund 500 Kinder, die während der Sommerferien im Dezember und Januar auf den Plastefeldern arbeiten, wollen das. “Es sind natürlich auch einige Straßenkids dabei, die sich etwas Geld verdienen wollen – die kriegen wir auch nicht in die Schule”, relativiert er seine Worte. Das Gros der Arbeiter machen sie dennoch nicht aus. “Wir bräuchten sie nicht”, resümiert Paul Thumbe. In seinen sauberen Kleidern und der modernen Jacke wird er deplatziert auf der Deponie, einzig die schmutzigen Gummistiefel bringen ihn im Abfallpanorama unter.
Er führt mich zum “Industrie”-Gebiet der Deponie. Hier versucht der Haldenclan, sich von den Abnehmerfirmen unabhängiger zu machen. In einem umzäunten Gelände sind hier die kleinen Projekte untergebracht, die Geld für die Gemeinde bringen: eine Flaschenaufbereitung, die Kartonsammlung und eine Metallbude – und die “”weiße Holzkohle”: aus Papier, Sägespänen und Wasser wird ein Brei angerührt, den dann drei Arbeiter im Akkord zu Briketts pressen. Joseph, der Vorarbeiter, erklärt die Herstellung: in ein Plastikrohr wird die Pampe eingefüllt, dann mit einem Zylinder angedrückt. Vorsichtig wird das nasse Brikett hervorgeholt und im Regal gestapelt. Hier muss es drei, vier Tage an der Luft trocknen, bevor es auf dem Markt als Brennmaterial verkauft wird. Jeder Arbeiter schafft zwei Säcke am Tag, die für jeweils 300 Shilling, also rund 3 Dollar, verkauft werden. “Das bringt nicht nur uns ein gutes Geld, sondern hilft auch, die Wälder zu schonen”, erklärt Steven, der Assistent des Projektleiters. Die Arbeit ruht dennoch derzeit, die Lager sind voll. “Wir können die Produktion nicht abtransportieren, da die Straße mal wieder blockiert ist”, erzählt er zornig. Die Stadtverwaltung ändere aber nichts an dem Zustand des Verkehrsweges, der eher an ein verunreinigtes Bachbett erinnert. “Wir suchen aber jetzt mit einer Ausschreibung noch Firmen, die ähnliche Projekte am Eingang der Müllkippe aufbauen. Bis jetzt hat sich aber noch niemand gefunden”, berichtet Paul Thumbe. Dort ist die Anbindung an das Straßennetz der kenianischen Hauptstadt sehr gut. “Wir haben ja alles hier, um ein ordentliches und großes Recycling-Unternehmen aufzubauen: Rohstoffe, Arbeitskräfte, einen Absatzmarkt. Aber uns fehlt die Infrastruktur”, klagt er.

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