Vom Slum geht’s ins Grüne
alexander | Afrika, Fotografie, Text, Video13 Dez 2011
NAIROBI – Es stinkt. Es stinkt an jeder Ecke – entweder nach Fäulnis, oder nach brennendem Plastik. Zwischen geschniegelten Afrikanern im gebügelten Anzug huschen Kinder umher: schmutzige Füße ohne Schuhe, schmutzige Hände, die Nasen verrotzt. In einer der Wellblechhütten, die als Marktstände die löchrigen Straßen säumen, quäkt aus einem Fernseher “Jingle Bells”. Ich begleite Anne-Sophie Rettel in die kenianische Hauptstadt. Die Frau aus Sackwitz bei Bad Schmiedeberg unterstützt hier seit 2009 ein Waisenheim.
Kayole heißt das Viertel, in dem das Waisenhaus liegt. Von “Slum” redet hier niemand. Nachdem ich den Stadtteil Mathare, einen der bekanntesten Slums Afrikas mit 500 000 Einwohnern, erkundet habe, weiß ich, dass das Waisenhaus wirklich in einer “besseren” Gegend liegt. Das “Watoto-Wema”-Zentrum, das über 70 Kindern Heimat und Schule bietet, befindet sich an einer Sandpiste, davor ein offener Graben, voll mit Plastikabfällen und anderem Unrat. Das ist die Kanalisation, knapp 200 Meter weiter mündet sie in einen Klärteich. Daneben spielen Eugene und die anderen Jungs Fußball.
Der Link zum Video bei der MZ.
Kurz vor den Festtagen ist Anne-Sophie Rettel noch einmal ins Flugzeug gestiegen, um 1 300 Euro Spendengelder und einen Koffer voller Kleider bei ihren Schützlingen abzuliefern. Das Geld ist wichtig, um den Neubau der Schule im ländlichen Vorort Ruai pünktlich fertigstellen zu können. “Davon sollen Betten gekauft werden, und auch für die Toiletten braucht Lusweti noch Material”, erzählt die 23-Jährige über die letzten Vorbereitungen von Schuldirektor Wasilwa Lusweti, der aus dem Heim in Kayole nach Ruai, einen Vorort am östlichen Stadtrand, umziehen möchte.
Vom alten zum neuen Kinderheim dauert die Fahrt rund 45 Minuten – erst mit dem “Matatu”, einem ständig überfüllten Kleinbus, später geht es mit dem “Piki-piki” weiter, dem Motorrad-Taxi. Lusweti, Anne-Sophie und ich nehmen jeder ein eigenes Motorrad. Die chinesischen Modelle transportieren oft ganze Familien gleichzeitig.
Die Baustelle in Ruai ist weit fortgeschritten, Mädchen- und Jungs-Schlafraum stehen bereits, die Küche wird gerade noch gebaut. In den neuen Wellblech-Hütten werden sie dann in Doppelstock-Betten schlafen. Viele der Kinder sind traumatisiert, haben in ganz jungen Jahren ihre Eltern durch Krankheit oder Unfälle verloren, manche auf der Straße gelebt. Wenn sie nachts ins Bett machen, müssen die Matratzen am nächsten Tag in der Sonne trocknen. Die “Mummy”, Sozialarbeiterin Elizabeth, teilt sich ihren winzigen Raum und ihr Bett nur mit ihrem leiblichen Sohn und den Allerkleinsten. Auf dem Toiletten-Haus sollen noch Büroräume errichtet werden. Das neue Zentrum liegt inmitten einer grünen Landschaft an den Wasser-Aufbereitungs-Teichen der Drei-Millionen-Metropole Nairobi. “Nachts kommen die Flußpferde, die sind lebensgefährlich. Da brauchen wir noch einen festen Betonzaun bis zum Umzug Ende des Monats”, berichtet der Direktor. Ein Wachmann mit Hunden soll aufpassen, dass kein Gangster über die Umzäunung steigt. Nairobi gilt als Hochburg der Kriminalität auf dem schwarzen Kontinent. Es gibt nicht immer Strom, kaum trinkbares Wasser, Krankheiten wie Hepatitis oder Würmer sind keine Seltenheit, drei Kinder sind HIV-positiv.
Eine Weihnachtsfeier wird es in diesem Jahr nicht geben. Dafür den Umzug am 27. Dezember. Wenn in Europa die Kinder ihre Geschenke umtauschen gehen, wird Lusweti neue Pläne schmieden, mit dem Waisenhaus auf eigenen Beinen zu stehen. Auf dem Gemeindeland vor dem Zentrum will er Gemüse anbauen, Anne-Sophie Rettel sammelt jetzt mit dem Wittenberger Afrika-Hilfe-Verein Geld für ein paar Ziegen oder Rinder. “Damit wir die Milch nicht mehr kaufen müssen”, erzählt sie.
Der Artikel ist im Elbekurier der Mitteldeutschen Zeitung erschienen. Dort gibt es auch eine Fotostrecke.
Eine Diashow von der Tour durch Kenia gibt es bei YouTube.
Tags: Afrika, Kenia, Nairobi, Reportage, Waisenhaus, Watoto Wema



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